Mikrotonus – Eine Oper unter Vorbehalt
“Mikrotonus – Eine Oper unter Vorbehalt” ist eine performative Installation an der Schnittstelle von Musik, Körper und kritischer Kontextualisierung. Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit inneren, internalisierten Landschaften – jenen unsichtbaren Räumen, in denen sich Macht, Prägung und Erinnerung sedimentieren. Diese inneren Räume spiegeln sich in sichtbaren kulturellen, politischen und ästhetischen Ordnungen wider und werden in der Performance hör- und erfahrbar gemacht.
Ausgehend von einer sachlichen Erzählebene, die sich zunehmend mit autobiografischen Erfahrungen der Künstlerin verschränkt, öffnet sich der Raum zu einer kritischen Reflexion eurozentrischer Denkweisen. Persönliche Erinnerung wird dabei nicht als individuelles Bekenntnis verstanden, sondern als Archiv kultureller Einschreibungen – als Resonanzraum historischer Machtverhältnisse.
Ein zentrales Feld dieser Auseinandersetzung ist die Musikgeschichte. Die Performance thematisiert die Entstehung und Dominanz der westlichen 12-Ton-Gleichstimmung als vermeintlich universelle Norm und stellt ihr andere, mikrotonale Stimmungswelten gegenüber. Mikrotonalität – verstanden als alle Tonsysteme jenseits dieser Norm – wird hier nicht nur als musikalische Praxis, sondern als ästhetisch-politische Haltung lesbar: als Widerstand gegen Vereinheitlichung, Hierarchisierung und koloniale Ordnungssysteme.
Daraus ergibt sich die leitende Frage der Arbeit:
Wer oder was entscheidet darüber, was als „schön“, „richtig“ oder „gültig“ gilt – in der Musik und darüber hinaus? Und wer bestimmt, wessen Ästhetik hörbar wird?
Die Klanglandschaft der Performance entsteht durch das Reiben von Gummis auf sechs rotierenden Schallplattenspielern. Aus dieser physischen Reibung entwickelt sich ein fragiles, sich ständig verschiebendes Klangfeld, das sich im Gesang fortsetzt und verdichtet. Ein ausschlaggebendes musikalisches Motiv bildet dabei die mikrotonale Dekonstruktion von Maurice Ravel´s Shéhérazade, basierend auf dem orientalistisch geprägten Text von Tristan Klingsor. Der Gesang der Performerin sprengt die normierten Intervalle und lotet die Zwischenräume aus, wodurch die Melodielinien in ein mikrotonales Gefüge überführt werden.
Diese klangliche Suche mündet schließlich in ein ihr vertrautes, von den Großeltern überliefertes Lied – eine persönliche Klangheimat, die jenseits der normierten Systeme existiert. So wird der exotisierende Blick des Werkes nicht nur benannt, sondern durch den konkreten Klang einer eigenen, ererbten Erinnerung beantwortet und neu verhandelt.
Die Aufführung findet größtenteils im Dunkeln statt – in einem Raum, der an einen parlamentarischen Diskussionssaal erinnert. Das Publikum sitzt an kreisförmig angeordneten Tischen, von denen viele mit einem eigenen Plattenspieler ausgestattet sind. So entsteht ein kollektiver Hörraum, in dem individuelle Wahrnehmung und gemeinschaftliches Erleben ineinander greifen. Zuhören wird hier zu einer politischen Praxis: als Aushandlung, als Verantwortung, als Möglichkeit eines anderen Miteinanders.
“Mikrotonus – Eine Oper unter Vorbehalt” lädt ein, vertraute Hörgewohnheiten zu verlernen und neue Formen des Zuhörens, Denkens und Zusammenseins zu erproben.